Gegendarstellung – Kray der neue Nazi-Kiez?!

Gegendarstellung – Kray der neue Nazi-Kiez?!

Bei dem Begriff des Nazi-Kiezes stellen sich bei vielen Menschen aus NRW direkt die Nackenhaare auf, es beschwört Bilder an die schwarz-weiß-roten Gebäude in Dortmund-Dorstfeld herauf: dunkle Straßen, Reichsflaggen, Pyrotechnik und gewaltbereite Neonazis. Siegfried “SS-Siggi” Borchardt galt als das bekannteste Gesicht der Szene, nach seinem Tod zog es viele der Neonazis in den Osten Deutschlands. Und trotzdem sind vielen die schrecklichen Bilder von den Aufmärschen der Partei “Die Rechte” im Kopf geblieben, es gab Angriffe auf Vertreter*innen der Zivilgesellschaft und Politik, immer wieder scheiterten Versuche der Stadt Dortmund der Situation Herr zu werden.

Dass viele bei der neu aufkommenden Neonazi-Szene in Essen-Kray an die bekannten Bilder aus Dortmund denken, ist nachvollziehbar, aber ist es auch gerechtfertigt? Viele Anwohner*innen fühlen sich durch die Verwendung dieses behafteten Begriffs zurecht angegriffen; sie würden nicht in einem Nazi-Kiez wohnen. Essen-Kray ist auch kein Nazi-Kiez, es hat nur das große Pech, dass sich dort die NRW-Parteizentrale der rechtsextremen Neonazi-Partei “Die Heimat” befindet. In dieser treffen sich seit März wieder öffentlich junge und alte Neonazis und laden zu “offenen Treffen” ein. Nach jedem dieser Treffen inszenieren sie eine Spontanversammlung und marschieren mit Flaggen und verfassungsfeindlichen Parolen durch den Stadtteil.

Die Jung-Nazis sind in der Vergangenheit auch schon aufgefallen, weil sie bei tätlichen Übergriffen auf die Dortmunder Kneipe “Hirsch-Q” beteiligt waren und mit dieser Straftat stolz auf Instagram prahlten. Erst kürzlich haben wir einen Artikel veröffentlicht, in dem wir zeigen, wie gefährlich die Neonazis aus Kray wirklich sind, neben Kampfsport trainieren sie auch den Umgang mit Schusswaffen. Die Treffen in der Parteizentrale in der Marienstraße stellen eine Bedrohung für das friedliche und demokratische Miteinander in unserer Stadt dar, sie sind aber noch lange kein Anhaltspunkt dafür, dass sich ein neuer Nazi-Kiez bildet.

Verwendet wurde der Begriff in Bezug auf die Treffen der Neonazi-Gruppe rund um die Partei “Die Heimat” das erste Mal tatsächlich von der WAZ und NRZ am 16.06.2025, dieselbe Zeitung, die nun in Interviews mit Anwohnenden diese Begrifflichkeit wieder anzweifelt. Erst das Narrativ erschaffen und es dann selbst problematisieren, so kann man Geschichten auch künstlich dramatischer erscheinen lassen, als sie es in Wahrheit sind. Wir, als ESSQ und Initiator*innen der Gegenproteste, haben den Begriff so in keiner Weise verwendet und weisen diese Diffamierung des Stadtteils auch deutlich zurück. In Dortmund sind über Jahre hinweg Strukturen gewachsen, die es den Neonazis ermöglicht haben, sich meist ungestört in ihrem Kiez zu bewegen. Viele von ihnen sind über eine lange Zeit in das Viertel gezogen und haben rund um die Parteizentrale der Partei “Die Rechte” in Dortmund gewohnt.

Und trotz der deutlichen Unterschiede zwischen Dortmund-Dorstfeld und Essen-Kray kann und muss man aus den Parallelen und den Fehlern der Vergangenheit lernen. In Dortmund wurde die Gefahr nicht rechtzeitig von der Lokalpolitik erkannt, bis die Neonazis selbst Fuß in der Lokalpolitik fassen konnten. Glücklicherweise war die Zeit nicht reif für Rechtsextreme in unseren politischen Gremien, weshalb die Partei “Die Rechte” schnell wieder in der Bedeutungslosigkeit versank. Allerdings haben sich die Zeiten geändert und mit der AfD ist in fast allen politischen Gremien bereits eine rechtsextreme Partei vertreten. Es ist nur eine Frage der Zeit, bis noch extremere Akteur*innen auch wieder Fuß fassen können. Und das muss eine demokratische Zivilgesellschaft und Lokalpolitik verhindern, für ein friedliches, vielfältiges und demokratisches Miteinander.

Essen-Kray ist kein Nazi-Kiez, wir gehen auf die Straße, damit es auch niemals einer wird.

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