Redebeitrag Eine unterschätzte Bedrohung – was in der Marienstraße wirklich passiert
Im Folgenden dokumentieren wir unseren Redebeitrag vom 14.11.2025 in Essen-Kray, den wir anlässlich einer abermaligen Nazi-Versammlung in der Landesparteizentrale der Partei „Die Heimat“ gehalten haben.
Liebe Freund*innen, liebe Antifaschist*innen,
danke, dass ihr heute wieder hier miteinander gegen die Nazis in der Marienstraße 66a auf der Straße steht!
Die Gefahr von rechts verschärft sich. Immer öfter werden bundes- und landesweit Personen, werden Organisationen und Initiativen, aber auch Orte von Rechtsradikalen und Neonazis angegriffen. Ob durch Kleine Anfragen im Landtag, um die Finanzierung gemeinnütziger, demokratie-engagierter Vereine zu attackieren, im Wahlkampf, wie beispielsweise als der SPD-Politiker Matthias Ecke beim Plakatieren brutal von Neonazis krankenhausreif geschlagen wurde oder hier in Essen, als der Grüne Bürgermeister Rolf Fliß auf offener Straße geohrfeigt wurde.
Die Gewalt der Extremen Rechten geht dabei von bis. Wortgeber, Einflüsterer und Einpeitscher der AfD träufeln ihr Gift medial in die Gesellschaft, die Medien, für die möglichst reißerische Headlines inzwischen die kapitalisierungsstärkste Kennzahl geworden ist, greifen es auf und multiplizieren es und am Ende steht dann dort ein Bundeskanzler Friedrich Merz, der mit verqueren „Stadtbild“-Debatten von einem der höchsten und prestigeträchtigsten Posten in der Bundesrepublik Deutschland ebenso Argwohn, Misstrauen, ja, Rassismus schürt und bedient.
Durch dieses verschrobene Klima rechter Erzählungen, Mythen und Muster verstärken sich Radikalisierungstrends. Am 13. September wurden unsere Freund*innen und Bündnispartner*innen der Katholischen Jungen Gemeinde auf einem Gemeindefest in Essen angegriffen, weil eine Regenbogenfahne gehisst wurde. Zwei Personen wurden verletzt.
Vergangenes Wochenende wurde ein 37-jähriger brutal zusammengeschlagen, nachdem eine Gruppe Deutscher volksverhetzende Parolen gegrölt hat und er dazwischengegangen ist. Die Rechten schlugen den Mann bewusstlos und haben selbst dann nicht von ihm abgelassen, als er regungslos am Boden lag. Eine Mordkommission ermittelt. Am 21. April wurde der Nachbarschaftsraum Coralle von bislang Unbekannten mit Buttersäure angegriffen. Zudem wurden rechtsradikale Sticker verklebt.
Die Nazis, mit denen wir es hier in der Marienstraße 66a zu tun haben, stehen dabei am hinteren Ende solcher Radikalisierungsbewegungen.
- Wir wissen beispielsweise davon, dass sie Waffentrainings mit Schusswaffen durchführen.
- Niklas Busch griff am 15. März einen Journalisten an, hielt sich dabei nur zurück, da mehrere Kameras auf ihn gerichtet waren und es taghell war.
- Am 8. August griffen mehrere Nazis aus der Landes-Zentrale der Partei „Die Heimat“ heraus unvermittelt mehrere Menschen in einem Bus an. Sie schlugen und traten auf friedliche Menschen ein. Das Ziel war es, Menschen zu verletzen.
- Am 31. August veröffentlichte der regelmäßig hier anwesende Nazi Justin Übernickel mehrere vermeintliche linke Treffpunkte in Duisburg und Essen, unter anderem den vorhin erwähnten Nachbarschaftsraum Coralle und die Parteizentrale der Partei Die Linke, um seine Gefolgsleute zu Aktionen gegen diese Orte anzustacheln.
- Am 29. Oktober wurden unsere Freund*innen vom Sozialen Zentrum Philip Müller von Nazis angegriffen. An die Betroffenen, die heute da sind: Wir stehen fest und solidarisch an eurer Seite und wir freuen uns, dass wir heute auch noch zwei Redebeiträge dazu hören werden.
Wir glauben nach wie vor, dass die faschistische Gefahr, die von dieser Bande hier in Kray ausgeht, stadtgesellschaftlich unterschätzt wird. Wir haben den Eindruck, dass das Nazi-Problem nicht genug in der Stadt angekommen ist. Als wir uns vor einem halben Jahr dazu entschlossen haben, hier in Kray auf die Straße zu gehen, war unser Anliegen daher in erster Linie Aufmerksamkeit auf das Thema zu lenken. Nazis nicht unwidersprochen Raum zu überlassen.
Das unabhängige Netzwerk Recherche Nord, das gerade erst mit dem Georg-Elser-Preis für Zivilcourage ausgezeichnet wurde, hat heute sehr treffend beschrieben, was dort in der Nazi-Zentrale passiert: Mit einer offen zu Tage gestellten Gewaltlogik und dem Gedanken der Vernichtung Andersdenkender radikalisieren sich dort die Neonazis. Augenscheinlich von den politisch Verantwortlichen und Ordnungsbehörden vollkommen unterschätzt in Wirkung und Eskalationspotential.
Beispielhaft steht dafür der 8.8., als 19 betrunkene Nazis aus der Marienstraße die Menschen im Bus angegriffen haben. Oder unsere letzte Versammlung, bei der eine Horde gewaltbereiter Nazis gänzlich von der Polizei unbegleitet auf unsere Versammlung zumarschieren und sich vor uns aufbauen konnte.
Dass wir hier regelmäßig stehen, ist gut, ist richtig, ist wichtig. Und doch muss man sich fragen: Wo sind die politisch Verantwortlichen dieser Stadt eigentlich? Wo ist der Ordnungsdezernent? Wo ist der Oberbürgermeister? Wo ist der Innenminister?
Und gleichzeitig wissen wir, dass es vor allem Menschen von hier vor Ort sind, die unter den Machenschaften der Nazis am meisten zu leiden haben. Deswegen freuen wir uns umso mehr darüber, dass das Stadtteil-Bündnis Kray ist bunt wieder aktiv geworden ist und ihre klasse Arbeit von 2013 wieder aufgenommen hat und fortsetzt. Es sind die Menschen, die tagtäglich mit dem Nazi-Pack zu tun haben, denen unser größter Respekt gilt, die wir nach Kräften unterstützen wollen und an dieser Stelle unsere volle Solidarität und Beistand versichern wollen.
Liebe Leute, wir müssen die Demokratie verteidigen. Dafür sind wir alle verantwortlich. Ob gegen rechte Erzählungen oder handfeste Nazis auf unseren Straßen.
Alerta!