Jahresrückblick 2025

Jahresrückblick 2025

2025 war ein Jahr, in dem sich der Rechtsruck in Essen ungefiltert gezeigt hat: Neonazis auf der Straße, unverhohlene Gewaltfantasien in Kommentarspalten, eine Polizei, die rechte Aufmärsche schützt und Antifaschist*innen angreift, und eine Stadt, die beim Umgang mit ihrer eigenen NS-Geschichte strauchelt. Gleichzeitig war 2025 ein Jahr, in dem wir als Bündnis Essen stellt sich quer auf vielen Ebenen aktiv waren – auf der Straße, im Stadtraum, in Bündnissen und in der Erinnerungsarbeit.

Polizeigewalt, Repression und der 15. März

Zu Beginn des Jahres stand für uns eine Zäsur, die zwanzig Jahre zurückliegt, aber bis heute nicht abgeschlossen ist: der Tod von Oury Jalloh in Dessau. An seinem Gedenktag haben wir daran erinnert, dass ein Mensch gefesselt in einer Zelle verbrannt ist, dass Gutachten von Brandbeschleuniger sprechen, dass Beweismittel verschwunden sind und dass der Staat es in zwei Jahrzehnten nicht geschafft hat – oder nicht schaffen wollte –, diesen Mord aufzuklären. Dieser Fall steht für eine Struktur, in der Polizeigewalt selten Konsequenzen hat und in der insbesondere migrantisch gelesene Menschen gefährdet sind; er steht für tausende Anzeigen gegen Polizeibeamt*innen pro Jahr bei einer Aufklärungsquote im Promillebereich.

Diese strukturelle Perspektive blieb 2025 leider keine abstrakte Analyse, sondern bekam in Essen eine unmittelbare Aktualität. Am 15. März konnten Neonazis durch unsere Stadt marschieren, während der antifaschistische Protest mit Kesseln, Blockaden, Verzögerungen und körperlicher Gewalt überzogen wurde. Menschen wurden in Zonen gedrängt, abgeriegelt, ihres Demonstrationsrechts beraubt und zum Teil verletzt, während die Uniformierten den „geordneten Ablauf“ eines Aufmarsches von Faschist*innen sicherstellten.

Für uns war dieser Tag keine Panne, sondern ein Wendepunkt: sichtbar wurde eine Polizei, die nicht neutral zwischen zwei „Lagern“ steht, sondern in ihrer Praxis eine Seite schützt und die andere bekämpft. Gleichzeitig haben wir erlebt, wie stark Solidarität in dieser Stadt sein kann: Menschen haben Eingekesselten Essen gebracht, an Mahnwachen vor dem Polizeipräsidium heiße Getränke verteilt, gesungen, ausgeharrt und gezeigt, dass Repression uns nicht spaltet.

Aus dieser Erfahrung ziehen wir keine resignative Bilanz, sondern eine politische: Wenn der Staat Neonazis laufen lässt und Antifaschist*innen kriminalisiert, braucht es umso mehr öffentlichen Druck, Vernetzung und Präsenz, damit klar bleibt, dass Essen keine Stadt der Gleichgültigkeit ist.

Neonazis, rechte Netzwerke und Essen als Schauplatz

2025 hat einmal mehr gezeigt, dass Essen kein „ruhiges Hinterland“ ist, sondern ein Ort, an dem sich alte und neue Neonazistrukturen treffen. In Kray traten Kader aus dem Umfeld der Partei „Die Heimat“ auf, jüngere Neonazis knüpften an die Ästhetik und Aktionsformen einer neuen Generation an, und Gruppen wie „Jung und Stark“ versuchten, sich als lokale Kraft in Szene zu setzen.

Damit entsteht ein gefährliches Gemisch: alte Kader mit Erfahrung, jüngere Aktivisten mit Radikalisierungsdynamik und ein Umfeld, in dem rassistische und autoritäre Positionen bis weit in den bürgerlichen Diskurs hinein normalisiert werden. Diese Szene agiert nicht im luftleeren Raum; sie profitiert von einer politischen Stimmung, in der menschenfeindliche Positionen immer wieder verharmlost, relativiert oder als „besorgte Bürger*innen“-Meinung durchgewunken werden.

Für uns war 2025 ein Jahr, in dem deutlich wurde, wie wichtig kontinuierliche Beobachtung, Dokumentation und öffentliche Benennung dieser Strukturen ist – und wie notwendig es ist, ihnen auf der Straße, in Stadtteilen und vor symbolischen Orten wie dem Rathaus sichtbar entgegenzutreten.

Bündnisse, Proteste und ein breiter werdendes „Wir“

Parallel zur Eskalation von rechts ist 2025 auch etwas anderes passiert: Unser Bündnis ist größer und breiter geworden. Mit Attac Essen ist zu Jahresbeginn eine Organisation dazugekommen, die globale Gerechtigkeit, soziale Rechte und Demokratie im Blick hat – Themen, die unmittelbar mit Antifaschismus zusammenhängen. Weitere Gruppen haben sich angeschlossen, sodass Essen stellt sich quer heute aus einem dichten Netz aus Initiativen, Gewerkschaften, politischen Gruppen und zivilgesellschaftlichen Akteur*innen besteht.

Auf dieser Grundlage konnten wir 2025 große Mobilisierungen stemmen. Unter dem Dach von „Gemeinsam laut“ – gemeinsam mit „Aufstehen gegen Rassismus“ und „Zusammen gegen Rechts Essen“ – haben wir vor der vorgezogenen Bundestagswahl Menschen aufgerufen, ihre Wut über den Rechtsruck auf die Straße zu tragen und sie am nächsten Tag in eine Stimme für demokratische Parteien zu übersetzen. In einer Situation, in der sich nicht nur die AfD, sondern auch Teile der sogenannten Mitte an ihrer Sprache und ihren Forderungen bedienen, war uns wichtig, deutlich zu sagen: Ob es „Remigration“, „Rückführungsoffensive“ oder „mehr Abschiebungen wagen“ genannt wird – es bleibt dieselbe menschenverachtende Politik.

Auch rund um den 8. März haben wir gezeigt, dass Antifaschismus und Feminismus zusammengehören. Während die AfD versuchte, den feministischen Kampftag mit einer Veranstaltung von „Frauen in der AfD“ in Altenessen umzudeuten, standen wir mit vielen Bündnispartner*innen auf der Straße. Frühmorgendliche Aktionen, eine Demonstration durch den Stadtteil und eine laute Versammlung in Sichtweite der AfD-Bühne machten deutlich: Rechte „Frauenpolitik“ bleibt rechte Politik – und unsere Antwort darauf heißt Frauenrechte, Queerfeminismus und Solidarität statt völkischer Familienidylle.

Dass auf der AfD-Veranstaltung neben Funktionär*innen auch bekannte Rechtsextreme aus Gruppen wie den „Steeler Jungs“ und der „Bruderschaft Deutschland“ auftauchten, hat nur noch einmal bestätigt, was wir seit Jahren sagen: Die Trennlinie zwischen parlamentarischer Rechten und offen neonazistischen Akteuren ist politisch gewollt verwischt. Der Gegenprotest mit hunderten Menschen hat gezeigt, dass in Essen viele bereit sind, dieser Normalisierung aktiv entgegenzutreten.

Erinnerung als Gegenwartspolitik: Schwarze Poth und Stadtwunde

2025 haben wir uns nicht nur mit aktuellen Aufmärschen beschäftigt, sondern auch mit der Frage, wie diese Stadt an ihre eigene NS-Geschichte erinnert. Die Gedenkstätte an der Schwarzen Poth, dem ehemaligen Außenlager des KZ Buchenwald, ist ein Ort, an dem sich dieser Umgang exemplarisch zeigt.

Dort, wo Zwangsarbeiter für das „Kommando Essen-Schuttverwertung“ Trümmer räumen und Blindgänger bergen mussten, erinnert heute eine Installation daran, dass dieses Lager mitten in der Stadt existierte – und dass die meisten Schicksale der dort Inhaftierten bis heute ungeklärt sind. Doch ausgerechnet dieser Ort wurde durch städtebauliche Maßnahmen ins Abseits geschoben, vernachlässigt und nicht ausreichend vor Verwahrlosung geschützt.

Wir haben deutlich gemacht: In einer Zeit, in der rechtsextreme Parteien in Parlamenten sitzen, in der Millionen Menschen ihre Programme wählen und in der selbstgeschaffene „freundliche Gesichter des NS“ durch Talkshows gereicht werden, ist das kein Zufall und keine Nachlässigkeit mehr. Die Art, wie eine Stadt mit ihren NS-Gedenkorten umgeht, ist eine Aussage darüber, wie ernst sie den Schwur „Nie wieder“ nimmt.

Darum fordern wir, die „Stadtwunde“ nicht einfach still zu entsorgen, sondern an zentraler Stelle neu zu denken: etwa als Installation in der Rathaus-Galerie oder auf dem Friedensplatz, beide Orte, an denen Erinnerung nicht an den Rand gedrückt, sondern ins Zentrum des Stadtbildes gerückt würde. Gemeinsam mit der VVN-BdA Essen unterstützen wir Initiativen und eine Petition, die genau das einfordern: Erhalt, Aufwertung und sichtbare Verantwortung statt Vergessen durch Abbau.

Verrohung im Alltag: Kommentarspalten, Terrorfantasien und Fußball

2025 hat aber auch gezeigt, wie weit die Verrohung in Teilen der Gesellschaft bereits vorangeschritten ist. Nach dem tödlichen Autoanschlag auf eine ver.di-Demonstration in München mussten wir erleben, dass in Kommentarspalten der WAZ Essen Nutzer*innen offen forderten oder bejubelten, ein ähnlicher Anschlag möge auch hier passieren – gegen eine Schüler*innendemo und gegen unsere gemeinsame Versammlung „Gemeinsam laut – im Wahllokal und auf der Straße“.

Sie schrieben „1 mal durch fahren bitte“, wünschten Demonstrierenden „das gleiche Schicksal wie den Opfern von München“ oder forderten ganz unverblümt, es müsse „mal einer durchfahren“. Andere markierten diese Kommentare mit Likes und Herzen und machten so deutlich, dass selbst Mordfantasien gegen politisch aktive Menschen längst als sagbar gelten.

Das ist kein „harter Ton“, das sind Aufrufe zu und Billigungen von Terror. Gleichzeitig haben wir gezeigt, dass man dem nicht ohnmächtig gegenüberstehen muss, sondern sehr konkret Anzeigen erstatten kann – und alle dafür nötigen Informationen zur Verfügung gestellt.

Auch im Fußballumfeld blieb 2025 nicht ohne Vorfälle. In einem Live-Stream wurden antisemitische und rassistische Parolen dokumentiert – ein weiterer Hinweis darauf, dass rechte und menschenfeindliche Einstellungen nicht an der Stadtgrenze, nicht am Stadiontor und nicht am Bildschirmrand Halt machen. Für uns heißt das: Antifaschismus ist nicht nur Demonstrationspolitik, sondern auch Arbeit im Alltag – in Fankurven, auf Social Media und überall dort, wo „das war doch nur Spaß“ als Deckmantel für blanken Hass dienen soll.

Unser Platz in dieser Stadt

Neben diesen Auseinandersetzungen waren wir 2025 auch dort aktiv, wo es um die alltägliche Gestaltung der Stadt geht. Beim 20. SauberZauber haben wir unseren Teil dazu beigetragen, Stadtteile von Müll zu befreien – nicht, weil uns Müll wichtiger wäre als Nazis, sondern weil es zusammengehört: Wer seine Stadt liebt, kämpft dafür, dass sie sauber bleibt – im wörtlichen und im politischen Sinn.

Mit unserer Kundgebung „Rathaus nazifrei“ haben wir vor dem zentralen politischen Ort dieser Stadt ein Zeichen gesetzt: Die Räume, in denen über unsere Zukunft entschieden wird, dürfen kein Spielfeld für rechte Menschenfeindlichkeit werden. Zusammen mit unseren Bündnismitgliedern und vielen Unterstützer*innen haben wir gezeigt, dass Essen eine starke antifaschistische Zivilgesellschaft hat – eine, die sich nicht auf symbolische Gesten beschränkt, sondern Verantwortung übernimmt, Position bezieht und aktiv handelt.

2025 war deshalb kein „normales“ Jahr, sondern ein Jahr, in dem sich die Frontlinien deutlicher gezeigt haben als je zuvor. Zwischen Polizeigewalt und Neonazi-Aufmärschen, zwischen verwahrlosten Gedenkorten und eskalierenden Kommentarspalten ist klar geworden: Es wird niemand anders kommen, der diese Stadt für uns verteidigt. Das machen wir schon selbst – gemeinsam, solidarisch, laut und quer.

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