Bündnisrede zum 09. November 2018

Bündnisrede zum 09. November 2018

Im Folgenden dokumentieren wir unsere Bündnisrede anlässlich des 80 Jahrestags der Pogromnacht am 09. November 1938

Liebe Freundinnen und Freunde,
liebe Antifaschistinnen und Antifaschisten,

wir stehen heute hier, um der Opfer der Reichsprogromnacht vor 80 Jahren zu gedenken und allen weiteren, die in den folgenden Jahren aufs grausamste hingerichtet wurden.

Die Reichsprogromnacht am 09. November 1938 kam nicht überraschend: Monate und Jahre zuvor, wurden Jüdinnen und Juden schikaniert und entrechtet. Auf Hetze folgte Schikane, auf Schikane Gewalt. 1400 Synagogen brannten nieder. Erst in dieser Woche, 80 Jahre nach den Progromen, wurden durch eine Studie der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf, die Opferzahlen von bisher vermuteten 91 Menschen bundesweit, auf 127 Opfer nur in NRW nach oben korrigiert. Der 09. November war der erste Höhepunkt der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten. Niemand will sich vorstellen, was damals passierte. Wie Menschen erschossen, erschlagen, vergast und verbrannt wurden. Wie Babys und Kinder mit Benzin übergossen und angezündet wurden. In die Luft geworfen und zum Abschuss freigegeben. Niemand will sich die Schreie vorstellen, die Berge von Leichen, den Geruch des Todes. Doch manchmal müssen wir genau das tun.

Nichts ist damit vergleichbar. Und darüber sollten wir froh sein. Doch wir müssen uns das Unvorstellbare vorstellen, um zu begreifen, was wir zu verteidigen haben.

Auch heute müssen wir aufpassen und sehen, was um uns herum geschieht: Neonazis ziehen marodierend durch Städte. Flüchtlingsheime werden in Brand gesteckt. Menschen als Tiere bezeichnet. Der Holocaust als „Vogelschiss“ der deutschen Geschichte bezeichnet, das Holocaust-Mahnmal in Berlin als „Denkmal der Schande“ verunglimpft. Und auch vor den Parlamenten macht diese Entwicklung nicht halt. Der Essener Bundestagsabgeordnete der AfD, Stefan Keuter, schickt wie selbstbverständlich Hitler- und Hakenkreuzbilder herum. Die Stimmung hat sich gedreht, Unaussprechliches wird ausgesprochen, rechtes Gedankengut hat wieder einen Platz in der Mitte der Gesellschaft eingenommen. Opfer heute sind Migrant*innen, Geflüchtete, Menschen mit dunkler Hautfarbe. Diesen Menschen muss unsere Solidarität, unser Schutz und unsere Empathie gelten. Einer rassistischen Enthemmung der Gesellschaft und dem virulent wieder aufkeimenden Antisemitismus gilt es entschieden entgegen zu treten.

Wir stehen heute hier, um das Andenken derer zu wahren, die 1938 ermordet wurden. Und wir stehen hier, um zu mahnen. Denn die Mechanismen – Ausgrenzung, Abwertung, das Schüren von Angst- wirken noch immer wie damals. Der Schoß ist fruchtbar noch. 40 Prozent der Deutschen, so eine gestern veröffentlichte weitere Studie, können sich ein autoritäres Regime vorstellen. Mehr als die Hälfte der Befragten fühlen sich inzwischen in Bezug auf Muslime „fremd im eigenen Land“. Die Verschiebung des öffentlichen Diskurses hin nach rechts wirkt.

Wir, Demokratinnen und Demokraten, müssen eng zusammen rücken. Eingreifen, wo Unrecht geschieht. Widersprechen, wo Hetze und Lügen verbreitet werden. Uns gegenseitig unterstützen. Müssen die schützen, die es selbst nicht können. Wir müssen laut sein und bunt, friedlich, aber immer konsequent. Für eine Gesellschaft mit mehr Teilhabe, mehr Offenheit, gleichen Rechten und frei von rechten Umtrieben und Gewalt. Denn Faschismus ist keine Meinung, sondern ein Verbrechen. Um mit dem Schwur von Buchenwald zu schließen:
„Wir stellen den Kampf erst ein, wenn auch der letzte Schuldige vor den Richtern der Völker steht!
Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel.“

Die Kommentare sind geschloßen.