Redebeitrag zum Internationalen Tag gegen Rassismus

Redebeitrag zum Internationalen Tag gegen Rassismus

Wir dokumentieren unsere Rede, die wir zum Internationalen Tag gegen Rassismus und der Demonstration in Essen-Steele, anlässlich eines abermaligen Auflaufs der „Steeler Jungs“ vorbereitet haben, aber aus zeitlichen Gründen nicht halten konnten:

Liebe Freundinnen und Freunde, liebe Antifaschistinnen und Antifaschisten,

ich freue mich zu sehen, dass sich heute so derart viele dem veröffentlichten Aufruf angeschlossen und nach Steele begeben haben. Viele Steelenserinnen und Steelenser sind heute hier.

Menschen, die sich seit Monaten fast ein Bein ausreißen, um hier in den Stadtteil zu wirken. Das sind Leute, die jeden Tag versuchen Kontakte zu knüpfen, Allianzen zu schmieden, Mehrheiten zu gewinnen, zu mobilisieren und zu verständigen. Denn gerade das Verständigen, das Überzeugen von und Vermitteln der eigenen Position ist ein großes Problem, das wir alle – da erzähle ich euch nichts Neues – immer wieder haben.

Antifaschismus wird leider viel zu oft als eigentlicher Störfaktor gesehen. Und natürlich ist es anstrengend, wenn sich ein Bündnis gegen eine Gruppe von Einwohnerinnen und Einwohnern positioniert. Natürlich ist es anstrengend, wenn es währenddessen etwas lauter als üblich wird. Natürlich ist es anstrengend, wenn ein Problem im Stadtteil thematisiert wird. Insbesondere, wenn man dieses Problem seit Monaten, seit Jahren hat gären lassen.

Anfänglich wurden unsere Freundinnen und Freunde aus Steele nicht nur schief angeguckt. Sie wurden als die eigentlichen Störenfriede und Störenfriedas gesehen! Als wären sie diejenigen, die Unruhe in den Stadtteil brächten. Als wären sie diejenigen, weswegen man nicht mehr entspannt durch die Innenstadt schlendern könne. Dabei ist das Gegenteil der Fall, die Situation verhält sich genau andersrum.

Liebe Freundinnen und Freunde, ich spreche heute als Teil des Bündnisses „Essen stellt sich quer“. Wir haben relativ früh und relativ deutlich Hinweise von Menschen – wahrscheinlich auch einigen der hier Anwesenden – zu den „Steeler Jungs“ bekommen. Die „Steeler Jungs“ sind nicht, wie man vielleicht seit dem 03. März scherzhaft meinen könnte, ein Karnevalsverein. Bei den „Steeler Jungs“ handelt es sich um Personen aus der rechten, der Hooligan-, Rocker- und der Neonazi-Szene. Es handelt sich nicht um eine irgendwie geartete unpolitische Gruppe.

Die „Steeler Jungs“ beschäftigen uns alle inzwischen schon eine ganze Weile. Sie laufen inzwischen wieder jede Woche durch diesen Stadtteil und werden immer mehr zu einer Normalität. Eine Normalität, die sie bewusst forcieren!

Deswegen ist es, glaube ich, wichtig, dass wir uns nochmal ein paar Sachen vor Augen führen:

Wirklich erste, mediale und äußerst unrühmliche Aufmerksamkeit haben die „Steeler Jungs“ bekommen, als einige von ihnen in der Bar „Freak Show“ rumgepöbelt haben. Sie wurden dann vor die Tür gesetzt. Das allerdings mit der Drohung, dass sie wiederkommen würden. Was sie dann auch gemacht haben. Glücklicher Weise wurde da bereits die Polizei zu Hilfe gerufen. Denn als die „Steeler Jungs“ zurückkamen, taten sie das nicht mehr nur zu dritt. Sie hatten einige Kumpanen im Schlepptau und haben eine Schlägerei angezettelt. Die zur Hilfe gerufene Polizei ist mit zwanzig Einsatzkräften nach Steele gefahren und hatte sogar einen Polizeihund dabei! Drei der Angreifer wurden in Gewahrsam genommen. Einer wurde von dem Polizeihund gebissen, als er versucht hat, einen Komplizen dabei zu befreien. Nur die Mühe und Not konnten die Beamtinnen und Beamten die Horde unter Kontrolle bringen.

Ein paar Wochen später erreicht uns als Bündnis der Hilferuf von Anwohnenden. Sie können Ihre Kinder nicht mehr ruhigen Gewissens am Donnerstag auf die Straße lassen. Denn donnerstags marschieren die „Steeler Jungs“ inzwischen wöchentlich durch den Stadtteil. Diese Art Hilferufe erreichen uns vermehrt. Und über die Zeit verteilt. Viele Eltern sorgen sich um ihre Kinder. Haben Angst, dass sie den „Steeler Jungs“ zu wenig gefallen könnten. Dass sie zu wenig „deutsch“ aussehen könnten. Dass ihre Kinder als politische Gegner*innen der „Steeler Jungs“ gelesen werden könnten.

Die „Steeler Jungs“ marschieren indes weiter. Jeden Donnerstag. Nur unterbrochen von ein paar Wochen „Ferien“.

Bei einer Demonstration boxt ein Teilnehmer der „Steeler Jungs“ einen Menschen, den er für einen Gegendemonstranten hält und schubst ihn in ein Gebüsch. Ein Beamter der Polizei, der direkt danebensteht, will nichts davon gesehen haben. Interessanter Weise, liebe Freundinnen und Freunde, ist das genau derselbe Beamte, der – deutlich später – eine Dienstaufsichtsbeschwerde bekommen hat und nun versetzt wurde.

Die guten Verbindungen zwischen den „Steeler Jungs“ und der örtlichen Polizei sind mehrfach gesichtet und dokumentiert worden. Da begrüßt man sich schonmal gerne mit Handschlag. Quasselt miteinander. Kennt sich offenbar.

Die mangelnde Distanz zwischen Polizei und „Steeler Jungs“ wurde früh – auch durch uns – kritisiert. Diese wenige Distanz ist aber auch ein ganz spezielles Zeichen. Eine Eigenart, die die Steeler Szene in Essen so besonders macht.

Liebe Freundinnen und Freunde, eingangs habe ich die Steelenserinnen und Steelenser erwähnt. Aber ich sehe auch eine ganze Menge, eine heiden Menge an Menschen, die nicht direkt aus Steele kommen. Auch euch möchte ich an dieser Stelle ganz besonders willkommen heißen!

Die Verstrickungen in Steele betreffen nämlich nicht nur die Menschen, die hier leben! Sie betreffen uns alle! Und deswegen freue ich mich, dass sich so viele dem Aufruf angeschlossen haben!

Im Gegensatz zu sonstigen Demonstrationen gegen Rechte, verhält es sich in Steele nämlich anders: Die Rechten, gegen die wir hier heute demonstrieren, sind zu einem beachtlichen Teil keine Zugereisten. Das wesentliche Merkmal der „Steeler Jungs“ ist, dass sie, dass ihre Struktur, ihr Umfeld und ihre Szene hier, vor Ort, seit Jahren gedeihen und wachsen konnte.

So schwer es fällt: Die „Steeler Jungs“, zumindest ein großer Teil derer, die donnerstäglich durch Steele ziehen, sind ebenfalls Steelenserinnen und Steelenser. Das heißt entsprechend gleichzeitig, dass die Rechten, gegen die wir hier heute auf der Straße stehen, sich nicht, wie sonst, nach der Demo in alle Himmelsrichtungen aufteilen. Die gehen praktisch in die nächste Seitenstraße und sind da dann zuhause! Die werden hier schon morgen ganz unbekümmert zum Bäcker gehen. Zum Arzt. Oder zum Optiker.

Das sollten, das müssen wir uns alle vor Augen halten! Und deswegen ist der lokale Protest, sind die lokalen Strukturen, die Mehrheitsbeschaffungen, das Werben für das gemeinsame Anliegen so immens wichtig!

Das wissen natürlich auch die „Steeler Jungs“! Ganz dumm sind die ja – leider – nicht. Und exakt deswegen tarnen sie sich. Betreiben politische Mimikry. versuchen also sich als möglichst unpolitisch zu gebaren. Das ist der Grund, weswegen sie keine Parolen skandieren. Weswegen sie keine Banner oder Transparente halten. Weswegen von ihnen keine und keiner Interviews in der Presse gibt. Sie versuchen damit nach wie vor als simple Freundesgruppe rüberzukommen.

Dass sie aber keine einfache Freundesgruppe sind, das zeigen die genannten Vorfälle. Ihre Teilnahme am Freisenbrucher Karnevalszug zeigt das beispielsweise ganz deutlich: Auf den ersten Blick freundlich, aufgeschlossen, Süßigkeiten werfend, kinderlieb.

Auf dem zweiten Blick dann aber merkt man, dass sie ganz bewusst die Farben Schwarz-Rot-Weiß nutzen, die Farben der Reichskriegsflagge. Dass sie den Sprech von Rechten nutzen, indem sie von „Zecken“ sprechen, wenn sie linke Menschen als „Parasiten“ diffamieren. Dass auf dem dargestellten Wagen eine ebensolche Zecke in einer cäsarischen Unterlegenheitsgeste zerdrücken. Sie Reminiszenzen an die „Blut und Boden“-Ideologie nutzen.

Oder aber, dass Sie Helme tragen, die zwar vielleicht in der gemeinen Rocker-Szene als modischer Fauxpas gewertet werden können. Hier aber muss das im Gesamtkontext betrachtet und erkannt werden, dass die Behelmung frappant an die Helme der deutschen Wehrmacht erinnern.

Die „Steeler Jungs“ sind alles andere als ein Karnevalsverein. Sie sind auch keine simplen Freunde, die „einfach nur so“ durch die Innenstadt ziehen und „niemandem etwas tun“ würden. Sie sind ein rechter Haufen problematischer Personen mit Verbindungen in die extrem rechte Szene. Sie locken Neonazis mit Ihren Aufmärschen an und dulden sie in ihren Reihen. Sie sind nicht ausschließlich aus Steele, wirken nach Huttrop und Borbeck. Sie vernetzen sich überregional, beispielsweise mit Düsseldorf, oder Mönchengladbach.

Die „Steeler Jungs“ sind ein Problem. Sie sind ein riesiges Problem. Und zwar nicht nur für unsere Freundinnen und Freunde aus Steele, die ihnen bereits morgen wieder beim Bäcker, beim Friseur oder dem Optiker begegnen könnten. Nicht nur für diejenigen, die in unmittelbarer Nachbarschaft zu ihnen wohnen.

Sie sind ein Problem für alle von uns. Weil sie für eine Politik der Einschüchterung stehen. Für eine Politik des Ausschlusses. Für die Verneinung demokratischer Prinzipien.

Sowas, liebe Freundinnen und Freunde, empört uns. Und deswegen ist es so wichtig, dass wir alle – ob nun aus Steele, alteingesessen oder nicht – Gesicht gegen diesen Ungeist zeigen!

Lasst und heute ein Zeichen, ach was, zwei Zeichen setzen!

Zeigen wir den lokalen Akteurinnen und Akteuren, dass wir solidarisch an ihrer Seite stehen und zur Stelle sind, wenn wir gerufen werden!

Und lasst und den „Steeler Jungs“ heute einen Empfang bereiten, der sie spüren lässt, dass sie hier nicht, aber auch so absolut gar nicht willkommen sind!

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