Rede von Johannes Brackmann

Rede von Johannes Brackmann

Wir dokumentieren mit freundlicher Genehmigung die Rede von Johannes Brackmann, Geschäftsführer des Kulturzentrums Grend in Essen-Steele anlässlich der Versammlung gegen die „Steeler Jungs“ am 04.04.2019.

Liebe Steelenser und Steelenserinnen, , Liebe  Essener Einwohner, Liebe Freunde und Freundinnen, Hallo Teilnehmer der Demonstration, Hallo „Steeler Jungs“

Mein Name ist Johannes Brackmann; ich bin Leiter des nahegelegenen Kulturzentrums Grend hier in Steele und Musiker der Brass-Band „Schwarz-Rot Atemgold“ 09, die heute hier für euch – und damit auch für Steele spielen wird. Vielen Dank an die Band, dass ihr gekommen seid!!!

Seit fast 2 Jahren nun schon entwickelt sich der Stadtteil zu einem Treffpunkt einer Männerclique, die jeden Donnerstag als sogenannte „Steeler Jungs“ hier durch den Stadtteil zieht.  Ausgangspunkt  ihrer Aufmärsche ist ihre Stammkneipe – das 300 – direkt gegenüber dem GREND. Vorgeblich ist ihr Ziel, als selbsternannte Bürgerwehr die Menschen hier zu beschützen? Wir alle fragen uns, vor wem oder vor was soll hier wer geschützt werden? Und wozu braucht es eine Bürgerwehr, zumal eine, die mit ihren Aufmärschen selber Angst und Schrecken im Stadtteil verbreitet…

Immer wieder gibt es auch Stimmen aus dem Stadtteil, die sagen: „Was wollt ihr – die tun doch keinem was; die sind doch harmlos, die laufen doch hier nur durch den Stadtteil“ . Ja, es stimmt, noch gab es keine direkte Gewalt aus der Gruppe heraus; denn ganz so dumm sind sie nicht, die Steeler Jungs; sie wissen, dass sie seit Beginn an unter Beobachtung des Staatsschutzes stehen, jeden Donnerstag wird die Gruppe von zahlreichen Polizeibeamten bei ihrem martialischen Aufmarsch begleitet.

Zur Betonung ihrer Harmlosigkeit zeigen sie ihr Ansinnen weder öffentlich auf Transparenten, Schildern oder in Sprechparolen.

Ihre wahre Gesinnung zeigten sie allerdings bisher allerdings nur vereinzelt, wie dem Zeigen des Hitlergrußes am 21.3. bei ihrem Aufmarsch hier in Steele, spätestens aber auch seit ihrer dreisten Unterwanderung des  Karnevalsumzug in Freisenbruch . Hier hat sich die Truppe ein Stück weit selbst enttarnt; „Schützt euch vor den Zecken – Helau, die Steeler Jecken“; mit solchen und anderen Sprüchen wie: „Auf Kohle geboren – mit Stahl in den Adern“ auf ihrem doch ziemlich traurigen Karnevalswagen haben sie die Öffentlichkeit mit an die nationalsozialistische Sprech- und Schreibweise angelehnte Symbolik provoziert – wohl nach dem Motto: mal sehen, wie weit wir gehen können…

Und wenn der ein oder andere der Truppe sich hier und da mal in den sozialen Medien äußert, und die Aufmärsche der SJ so beschreibt, wird die dahinterstehende Gesinnung deutlicher: (Zitat):  „das unsere Spaziergänge ein stiller Protest ist , gegen das , was hier in diesem Land , seit 2o14 passiert und passiert ist , durch eine Falsche und Fatale Flüchtlingspolitik  der Regierung unter “ Bundeskanzlerin Angela Merkel “ . Und dadurch , eine Extreme hohe brutale Kriminalität , durch die Flüchtlinge aus Asien und Afrika…!!!! Denn diese Väter und Mütter haben zu Recht Angst , um ihre Kinder und um ihre Alten Menschen. Zuviel ist schon seit dem passiert und es wird immer Schlimmer“

Nicht nur, dass solche Äußerungen reinste Demagogie sind; laut der Kriminalstatistik der Polizei für 2018 sind die registrierten Straftaten rückläufig und auf dem niedrigsten Stand seit 1992; selbst die Straftaten von Zuwanderern ist gesunken. Die Beobachtung und das heimliche Fotografieren von Mitgliedern der Bürgerinitiative ‚Steele bleibt bunt‘ und anderen Mitgliedern und Unterstützern, die üblen verbalen Angriffe gegen deren Sprecherin Irene Wollenberg, die Hetze gegen Max Adelmann und das Bündnis Essen stellt sich Quer, sind die Konsequenzen der Steeler Jungs auf Argumente, die ihnen nicht in den Kram passen  – und das ist aus meiner Sicht unerträglich.

Da werden Begriffe verwendet wie (Zitat): „verwirrter radikaler, bunter Dreck,  linke Faschisten, und Schande von Essen-Steele, menschlicher Abschaum“ um nur einige zu nennen. Ich frage mich was passiert, wenn sich die Stimmung – nicht nur hier in Steele – weiter aufheizt, die unheilvolle Ideologie des Rechtsnationalismus sich weiter verfängt, verbreitet, radikalisiert? und womöglich in die Tat umgesetzt wird?

50 Menschen sind im neuseeländischen Christchurch bei einer rassistischen Hasstat getötet worden; ermordet aus einem einzigen Grund: weil sie Muslime waren.

Eine entsetzliche Tat, die aber nicht aus dem Nichts kam; und die sich wiederholen kann; nicht nur in Neuseeland. Denn die menschenverachtende Ideologie dahinter hat international Konjunktur. Gut vernetzt macht sich ihr Gedankengut auch in der sogenannten Mitte der Gesellschaft breit. Neuseeland ist weit weg, aber rassistische Gewalt wird auch in Deutschland zunehmend ausgeübt. .

So zählte das Bundesinnenministerium des Innern unter der Rubrik „Politisch rechts motivierte Kriminalität“, im Polizeijargon „PMK rechts“ genannt, 20.520 Straftaten.

Dieser traurige Rekord wurde 2016 mit 23.555 Fällen erneut gebrochen, darunter fielen knapp 1700 Gewalttaten. Im folgenden Jahr sanken die Fallzahlen zwar wieder deutlich, blieben aber auf hohem Niveau.

Die Realität dürfte noch weit schlimmer sein. „Die Zahl der Opfer rechtsextremer Gewalt sei weit größer als angenommen“, sagen Kriminologen von der Ruhr-Uni Bochum, die zur Zeit mit einem Team von Wissenschaftlern daran forschen, wie und warum sich der Bereich rechter Gewalt ändert und wie die Polizei damit in der Praxis umgeht.

Der aus australische stammende  Attentäter in Neuseeland, Brenton Tarrant,  nannte sein Manifest: „Der große Austausch“. Die irre Gedankenwelt , das Leit- und Angstmotiv der rechtsextremen Identitären heist: Die Masseneinwanderung und muslimische Invasion der Migrantenströme muss bekämpft werden. Ihre rechtsextreme Chiffre: die  der sogenannten „14 Words“: Wir müssen die Existenz unseres Volkes und eine Zukunft für weiße Kinder sicher stellen.“ Brenton Tarrant selbst bezeichnet sich als „Partisan“, den man eines Tages für seine Tat auszeichnen werden!

Ich möchte hier nicht die Steeler Jungs als potentielle Attentäter darstellen; das sind sie sicher nicht.  Sicher sind auch nicht alle stramme Neonazis; manche mögen auch einfach nur Mitläufer und Sympathisanten einer ziemlich kruden, aber für sie immerhin einer Gemeinschaft sein. Aber ihre Rhetorik, ihre martialischen Aufmärsche, ihre Uniformiertheit, ihre latente Gewaltbereitschaft und ihre vernetzten Beziehungen zu neonazistischen Gruppen in Düsseldorf, Mönchengladbach und anderswo und auch öffentliche Äußerungen einzelner Mitglieder lassen den Schluss zu, dass die Truppe sicher nicht durch den Stadtteil läuft, um Migranten und Flüchtlinge vor Gewalttaten und Überfällen zu schützen…

Stattdessen verbreiten sie  Angst, provozieren und besetzten den öffentliche Raum und ihre Gebäude sowie die lokalen Kneipen und Restaurants.  Wenn sie dann noch – und dreister Weise auch im Namen der  Steeler Bevölkerung  sprechen – dann sagen wir jetzt und zukünftig weiterhin laut und sehr deutlich und immer wieder „Nein, ihr seid nicht Steele!

Denn die Kultur der Steeler Jungs weder friedlich noch harmlos; sie ist stattdessen antidemokratisch, ausgrenzend  und aggressiv …

und beruht auf einer Vorstellung von gesellschaftlicher Homogenität, die immer auch mit Ausgrenzung anderer Menschen – vor allem Flüchtlinge und Migranten aus afrikanischen Ländern, und damit letztlich auch mit Gewalt verbunden ist.

„Steeler Jungs“ – was ein für ein harmloser Name für eine solche Truppe! Mit ihren nach außen hin scheinbar friedlichen Aufmärschen versuchen sie sich anschlussfähig zu machen an eine gesellschaftliche Stimmung, die geschürt wird durch Parteien wie die AFD, bei der z.B. ein Alexander Gauland der Bundesregierung und insbesondere der Kanzlerin eine Migrationspolitik vorwarf, „die das Volk völlig umkrempelt. Sie sorge dafür, dass nur noch irgendeine uns fremde Bevölkerung hier lebt.“ Aber auch durch Äußerungen wie die des Innen- und Heimatministers Seehofer, nach dem die Migration die Mutter aller Problem sei.

„They are us“ – sie gehören zu uns , hat die Premierministerin Neuseelands, Jacinda Ardern, nach dem Terroranschlag in Christchurch gesagt; „unsere Solidarität muss denen gehören, die von Rassismus betroffen sind“. Das sollte auch in Deutschland, in NRW, in Essen und auch hier in Steele gelten! Denn die Ideologie des Hasses ist eine reale Bedrohung für unsere Kolleg*innen, Freund*innen, Nachbar*innen, Mitbürger und Mitbürgerinnen und viele weitere Mitglieder unserer Gesellschaft, gleich welcher Religion, Nationalität und Kultur. Hier ist ihr zu Hause. Und es ist unsere gemeinsame Aufgabe, dafür zu sorgen, dass sie hier sicher sind!

Lasst uns also hier in Steele gemeinsam mit allen vorhandenen Kräften weiter zusammenstehen und keinen Zentimeter weichen- welchen selbsternannten Bürgerwehren, welcher rechten oder von mir aus auch gerne radikal-religiösen  Gruppierungen auch immer ! Der Stadtteil, die Stadt muss zeigen, dass er und sie zusammenstehen kann  – bei allen Unterschieden und verschiedenen Interessen; von der Bürgerinitiative „Steele bleibt bunt“, über die Verbände und Vereine, der Politik im Bezirk und im Stadtrat, über den Einzelhandel, der Gastronomie bis hin zu uns als Kulturschaffende. Denn Steele, dass ist die demokratische Zivilgesellschaft vor Ort, das sind die Verbände, die Politik, die Geschäftswelt,  das sind die bunt gemischten Bürger verschiedenster Kulturen und Nationalitäten hier. Wenn wir hier im Stadtteil und in der Stadt zusammenhalten, dann haben DIE KEINE CHANCE ! Denn wir sind mehr – und wir sind Viele!

Noch was, und das ist mir ein persönliches Anliegen: wir sollten uns nicht die Sprache der anderen Seite zu eigen machen; Demoaufrufe wie: „Den braunen Dreck von der Straße fegen“ mögen radikal klingen, sind aber eine Sprache  der Verdinglichung von Menschen, die niemals akzeptabel ist. Eine solche Sprache sollte keinen Platz in unserem Sprachgebrauch haben! Auch wenn es uns nicht gefällt; die Steeler Jungs sind genauso Menschen wie wir – und sie haben – im Rahmen der Gesetze – auch das Recht zu demonstrieren und sich öffentlich zu präsentieren!

Also, Steeler Jungs; bekennt jetzt endlich mal öffentlich Farbe! Oder seid ihr zu feige dazu? Vielleicht werdet ihr dann auch feststellen,  dass ihr mit euren kruden und rassistischen Weltvorstellungen ziemlich alleine  dastehen werdet!

Lasst uns daher auch weiterhin den Mut haben, gemeinsam gegen alle Formen von Gewalt, Intoleranz, Ausgrenzung und Rassismus vorzugehen.  Lasst uns Musik machen – heute mit  „Schwarz-Rot-Atemgold 09“ aus dem Ruhrgebiet , lasst uns tanzen, gemeinsam essen und trinken, kontrovers diskutieren und friedlich streiten; immer unter dem Motto:  No fear! Keine Angst!

Vielen Dank!

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